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Prinzessin Clara (5): Das Wiedersehen (Märchen / Fantasy)

Wenn ihr mein Märchen Ellie, die kleine Waldfee und die traurige Prinzessin gelesen habt, dann kennt ihr Prinzessin Clara und auch ihren zukünftigen Gemahl Siegfried bereits. Doch was danach geschah, das konnte niemand ahnen, denn inzwischen gibt es fünf weitere Geschichten von Prinzessin Clara, die sich kurz hintereinander ereignen und praktisch alle Fortsetzungen sind. Eigentlich ist aus den Kurzgeschichten schon ein richtiges Buch geworden.

Prinzessin Clara, Ellie und Siegfried treten durch den magischen Spiegel um seine Eltern zu finden. Wie wird das Wiedersehen ablaufen? Klappt alles reibungslos oder gibt es Probleme? 


Hinweis: Alle Geschichten auf dieser Website wurden von mir selbst verfasst und sind kostenlos. Bitte beachtet unbedingt das © Copyright. Eine Veröffentlichung auf anderen Webseiten, sowie eine kommerzielle Nutzung der Texte, muss vorher von mir genehmigt werden.

 

Natürlich dürft ihr, liebe Eltern und Großeltern, Kinder, Geschwister und Freunde dieses Märchen vorlesen und/oder ausdrucken (kostenlos). Dafür ist es ja da :-) Viel Spaß!!!


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Prinzessin Clara: Das Wiedersehen

Als Siegfried durch den Spiegel trat fühlte es sich an, als würde er in warmes Wasser eintauchen, jedoch ohne dabei nass zu werden. Er glitt förmlich durch die weiche Masse des Spiegels und setzte seinen Fuß vorsichtig, aber sicher auf dem Waldboden des fremden Landes auf. Unwillkürlich blickte er an sich hinunter und war beruhigt, dass er tatsächlich noch all seine Kleidung am Körper trug. Dann musste er schmunzeln. Dieser Spiegel hatte einen Humor, an den man sich erst gewöhnen musste.


Unmittelbar hinter ihm folgten Clara, die ebenfalls verstohlen das Vorhandensein ihrer Kleidung überprüfte, und Ellie, die sich als Waldfee in dieser Umgebung sogleich sehr wohl fühlte. Dennoch lauschte sie zunächst etwas und schien dabei zugleich die Gefühle der Tiere und Pflanzen des Waldes in sich aufzunehmen. „Hier scheint alles in Ordnung zu sein“, sagte sie nach ein paar Augenblicken. „Ich kann keine direkte Bedrohung spüren, vor der sich der Wald sorgen würde, falls es hier in letzter Zeit Kämpfe gegeben hätte. Das ist ein gutes Zeichen.“


„Dann können wir ja beruhigt aufbrechen“, meinte Clara erwartungsvoll. „Den Ring des magischen Spiegels habe ich natürlich mitgenommen, so dass wir ihn auch an einer anderen Stelle rufen könnten, falls wir nicht hierher zurückkehren können.“


„Also gut, dann lasst uns aufbrechen“, übernahm Siegfried das Kommando und sie folgten dem Weg nach links, bis dieser eine scharfe Rechtskurve machte. Von hier aus ging es noch ein kurzes Stück weiter, bis sie den Waldrand erreichten, wo sie erst einmal in der Deckung einiger großer Bäume stehen blieben, um ihre Umgebung zu erkunden. Nur eine schmale Wiese und mehrere Felder, links und rechts des Weges trennte sie noch von den ersten Häusern des Dorfes.


„Einige der Dorfbewohner, die uns der Spiegel vorhin gezeigt hat, arbeiten sicher noch bis zum Mittag ohne Pause weiter auf den Feldern, denn es gibt noch viel zu tun, wie ich sehen kann“, stellte Siegfried fest. Schließlich hatte er fast sein ganzes Leben lang als Bauernsohn ebenfalls so gearbeitet und wusste, welch harte Arbeit hier geleistet wurde.


Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, hörten sie plötzlich ein lautes und schnelles Läuten einer Glocke, welches aus dem Dorf kam. Die Dorfbewohner, die eben noch gearbeitet hatten, sahen sich überrascht an, machten sich dann jedoch sogleich auf den Weg ins Dorf. Unwillkürlich wichen die drei fremden Besucher noch ein Stück weiter hinter die Bäume zurück.


„Das hat sich angehört, als ob jemand Alarm schlagen würde“, meinte Clara aufgeregt. „Ob sie uns wohl entdeckt haben?“ „Das glaube ich eher nicht“, entgegnete Ellie überzeugt. „Wir waren unter den Bäumen, zwischen den Sträuchern und dem hohen Gras bestimmt nicht zu erkennen und ich habe auch keinen Turm gesehen, von dem aus man uns vielleicht hätte entdecken können. Außerdem sind wir noch dazu unauffällig gekleidet, was es noch schwerer macht uns zu sehen.“


Damit hatte sie auf jeden Fall recht. Ellie war es als Waldfee ohnehin gewohnt einfache Röcke und Blusen in den Farben des Waldes zu tragen, aber Clara und Siegfried wären mit ihren hochwertigen und teils bunt verzierten Sachen einer Prinzessin und eines Knappen am Hofe des Königs nicht nur farblich, sondern auch als wohlhabend aufgefallen. Noch am Abend zuvor hatten sie deshalb beschlossen, dass sich Clara eine bequeme schwarze Hose und eine hellbraune Bluse von ihrer Freundin Rosa leihen sollte, die in der Küche der Burg arbeitete. Siegfried hatte ebenfalls unauffällige Farben gewählt und trug Kleidung aus seiner Zeit als Stallbursche.


Auf Waffen wollten sie jedoch nicht ganz verzichten und so hatten sich Clara ein Kurzschwert, mit dem sie hervorragend umgehen konnte und Siegfried ein normales, aber recht leichtes Schwert an ihre Gürtel gesteckt. Beide Waffen sahen zwar nicht mehr neu aus, waren aber ansonsten in einem hervorragenden Zustand. Verborgen wurden sie unter dünnen Umhängen, die sich Clara und Siegfried übergeworfen hatten. So sollte sie jeder für gewöhnliche junge Leute halten, die auf der Durchreise waren.


Auch die kleine Waldfee konnte sich wehren, wenn es darauf ankam, doch Ellies Waffe war die unauffälligste von allen, denn sie hatte lediglich ihren unscheinbaren Zauberstab dabei, der sich irgendwo zwischen den Falten ihres Rockes befand.


„Dann muss etwas oder jemand anderes den Alarm ausgelöst haben“, kam Siegfried zu dem einzig logischen Schluss. „Wir sollten den Bewohnern folgen, denn wenn wir hier bleiben, werden wir nicht erfahren was los ist und das könnte ein großes Risiko sein. Außerdem wollen wir ja ohnehin zur Schmiede und meine Eltern suchen. Dann müssen wir unsere Erkundungen eben direkt ins Dorf verlegen, auch wenn das nicht so geplant war.“


„Ich denke auch, dass Du recht hast“, stimmte ihm Clara zu. „Wenn wir hier warten, wird uns das nicht weiterbringen. Aber wir sollten ab jetzt besonders vorsichtig und wachsam sein, solange wir nicht wissen, was hier vor sich geht. Was denkst Du Ellie? Ellie?“


„Nun kommt schon, sonst verpassen wir die Hälfte“, antwortete die kleine Waldfee, die sich schon auf den Weg gemacht hatte, grinsend. „Ich bin wirklich neugierig, was so wichtig sein könnte, dass alle ihre Arbeit stehen und liegen lassen. Aber das gefällt mir gar nicht“, ergänzte sie noch und ihr grinsender Gesichtsausdruck verwandelte sich in Wachsamkeit, als die drei auf die ersten Häuser des Dorfes zusteuerten. Der Weg, dem sie vom Wald aus gefolgt waren, ging nun in eine Straße über, welche direkt zwischen den Häusern hindurchführte.


Neugierig, aber auch vorsichtig versuchten sie in die Häuser zu blicken, die recht einfach aber in einem guten Zustand waren. Offenbar waren die Dorfbewohner zwar nicht reich, aber es schien ihnen dennoch gut zu gehen. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, doch aus der Mitte des Dorfes waren deutlich Stimmen und auch lautes Gemurmel zu hören. „Lasst uns bis zur Querstraße dort vorne gehen und am Haus an der Ecke warten“, schlug Siegfried vor. „Vielleicht können wir von dort aus verstehen worüber die Bewohner reden und auch etwas erkennen.“ Seine beiden Begleiterinnen nickten nur und folgten ihm vorsichtig.


Sie legten zügig die ca. 100 Schritte bis zu ihrem Zwischenziel zurück und blieben hinter einer Hauswand stehen. „Seht nur“, flüsterte Clara, „das muss die Hauptstraße sein. Sie ist gepflastert und so breit, dass problemlos zwei Ochsengespanne aneinander vorbeikommen würden.“ 


Alle drei spähten vorsichtig um die Häuserecken und sahen, dass die Hauptstraße nach links aus dem Dorf hinaus führte, während sich rechts der Dorfplatz befand. Dort schienen sich alle Dorfbewohner versammelt zu haben, deren Anzahl gut einhundertfünfzig bis zweihundert betrug und drei Männern zu lauschen, die auf einem kleinen Podest standen. Einer von ihnen, ein junger Mann, der kaum älter als Siegfried sein dürfte, wirkte ziemlich erschöpft, als hätte er einen langen Ritt hinter sich. Neben ihm stand ein besonders schlanker Mann, der wohl schon an die sechzig oder mehr Jahre zählte. Er war es auch, der zu den Dorfbewohnern sprach.


„Nachdem, was uns Thomas soeben berichtet hat“, verkündete er mit lauter Stimme, während er den jungen Mann kurz ansah, „werden wir uns auf die neue, bedrohliche Situation vorbereiten, so gut es geht. Ihr könnt vorerst wieder an die Arbeit gehen, aber der Dorfrat trifft sich in der Mittagspause und dann besprechen wir noch einmal genau, wie wir unsere Verteidigung organisieren, nachdem der Krieg nun tatsächlich ausgebrochen ist.“


Als sich die Versammlung bereits unter lauten, besorgten Diskussionen aufzulösen schien, rief der dritte Mann auf dem Podest: „Bringt alles, was ihr an alten Schwertern, Äxten oder anderen Waffen besitzt am Nachmittag zu mir, damit ich die Klingen schärfen kann.“


Als Siegfried seine Stimme gehört hatte und den Mann, der ihn noch nicht bemerkt hatte, direkt ansah, übermannte ihn ein Chaos an Gefühlen, denn dort stand eindeutig eine ältere Version von ihm, so offensichtlich waren die Ähnlichkeiten. Seine Kehle war plötzlich trocken und sein Hals wie zugeschnürt. Sein Herz wollte vor Freude fast zerspringen und doch fühlte er sich, als würde ein schwerer Stein darauf lasten. Wie würde der Mann wohl reagieren, wenn er ihn sah. „Siegfried“, hauchte Clara leise, „das ist Dein Vater.“ Er drehte sich zu ihr um und nickte nur. Zu mehr war er in diesem Augenblick nicht in der Lage.


***


Da sich die Versammlung nun endgültig auflöste, kamen auch immer mehr Menschen in ihre Richtung, denn schließlich machten sich viele von ihnen wieder auf den Weg zu den Feldern, um weiterzuarbeiten. Ellie reagierte als erstes und raunte ihren jungen Begleitern nur zu: „Denkt dran, wir sind eine Familie und gerade erst im Dorf angekommen. Lasst uns zum Dorfplatz schlendern und so tun, als hätten wir nichts mitbekommen.“


Siegfrieds Erstarrung löste sich augenblicklich, denn sie wollten ja nicht mehr auffallen als unbedingt nötig und so schlenderte er, scheinbar etwas schüchtern, mit leicht gesenktem Kopf in Richtung Dorfplatz. Dabei versuchte er jedoch seinen Vater nicht aus den Augen zu lassen, was gar nicht so einfach war, da dieser sich gerade in die entgegengesetzte Richtung entfernte. Direkt hinter ihm folgten Clara und Ellie. Die Dorfbewohner, die ihnen entgegenkamen, beachteten sie kaum und schenkten ihnen höchstens einen kurzen, misstrauischen Blick, ohne dabei jedoch ihre Geschwindigkeit zu verringern.


Schließlich hatten sie den nun wieder leeren Dorfplatz erreicht und sahen sich nach Siegfrieds Vater um, den sie inzwischen alle aus den Augen verloren hatten. „Seht doch nur“, sagte Clara plötzlich, „dort hängt ein Schild mit einem Hammer und einem Amboss drauf. Sicher ist er dort hingegangen.“ Ellie und Siegfried folgten ihrem Blick und gemeinsam gingen sie das kurze Stück bis zur Schmiede. Wie üblich war diese nach zwei Seiten offen, während die anderen beiden Seiten an das Wohnhaus grenzten. Ein stabiles Holzdach, welches sowohl die Esse, so hieß die offene Feuerstelle der Schmiede, als auch den Amboss überragte, sorgte für ausreichend Schutz gegen Sonne und Regen. Sehen konnten sie hier allerdings niemanden.


Unruhig und nun innerlich wieder sehr angespannt, blickte Siegfried sich um. Hier lebten und arbeiteten also seine wahren Eltern. Nichts an dieser Schmiede deutete darauf hin, dass sich hier ein König aufhalten würde, aber genauso sollte es ja auch sein. Nichts durfte darauf hinweisen. Da öffnete sich plötzlich die Tür des Wohnhauses und eine Frau mittleren Alters trat hinaus und sprach die Fremden freundlich an: „Seid gegrüßt, Reisende. Sucht ihr vielleicht Ulrich, den Schmied? Er ist mein Mann und müsste jeden Moment wiederkommen.“


„Es war wohl sehr offensichtlich, wie wir uns hier neugierig umgesehen haben“, antwortete Ellie mit einem fröhlichen Lächeln und begann mit der Geschichte, die sie sich vorher ausgedacht hatten. „In der Tat ist es so, dass wir den Schmied suchen. Wir haben gehört, dass es kaum etwas aus Metall gibt, das er nicht reparieren kann und so haben wir eine weite Reise auf uns genommen, um ihn zu finden.“


„Nun, das ist euch dann wohl gelungen“, hörten Sie eine feste Männerstimme sagen. Es war der Schmied, der soeben mit einem Schmiedehammer in der Hand um die Ecke gekommen war und die drei Neuankömmlinge mit scheinbar rein geschäftlichem Interesse musterte. Er musste Ellies Worte gehört haben, denn obwohl er so tat, als wären sie ganz normale Kunden, erkannten die drei Freunde dennoch, dass er nahezu unbemerkt seine Muskeln angespannt hatte, als würde er mit einer bösen Überraschung rechnen. „Wofür benötigt ihr denn meine Schmiedekunst?“


Siegfried hatte sich im Hintergrund gehalten und die Kapuze seines Umhangs tief ins Gesicht gezogen, so dass man es nicht erkennen konnte und sagte keinen Ton, während Ellie scheinbar unbekümmert fortfuhr. „Wie schön, dass wir euch endlich persönlich kennenlernen.“ In deutlich leiserem Ton ergänzte sie schließlich: „Wir haben zwei wertvolle Stücke, die wir euch gerne zeigen würden, aber nicht hier, wo uns jeder sehen kann. Könnten wir vielleicht mit euch in euer Wohnhaus kommen?“


Prinzessin Clara und ihre Freunde konnten nur ahnen, wie es im Kopf des Schmieds und seiner Frau zugehen musste. Da kamen drei wildfremde, scheinbar harmlose Personen zu ihm, die vielleicht etwas zu verbergen hatten. Was wenn es sich dabei um Spione oder gar Attentäter handelte, die ihn schließlich doch noch gefunden hatten? Andererseits könnten diese Fremden auch wirklich harmlos sein und dann würde er sich wiederum verdächtig machen, wenn er sie einfach so abweisen würde. So tauschte er schließlich ein paar kurze Blick mit seiner Frau aus, ehe diese freundlich sagte: „Wenn das so ist, dann folgt mir doch gerne ins Haus, wo wir ungestört sind.“


Sie ging voran und Ellie, die kleine Waldfee, Prinzessin Clara und Siegfried folgten ihr in die geräumige Wohnstube. Den Abschluss bildete der Schmied, der hinter sich die Tür zuzog und sich zwischen dieser und seinen Gästen postierte. „Nun zeigt uns doch bitte eure wertvollen Stücke“, sagte er, während sich seine Frau dicht neben den Feuerhaken gestellt hatte, der ihr notfalls als Waffe gute Dienste geleistet hätte.


Man konnte die Anspannung förmlich spüren, die den Schmied und seine Frau gepackt hatte, während Siegfried und Clara ihrerseits angespannt waren, da es sich ja um seine Eltern handelte. Nur Ellie schien davon nichts mitzubekommen und so legte sie fröhlich die mitgebrachten Stücke auf den Tisch. „Seht her“, sprach sie, „ich habe hier einen Dolch und einen Ring, den wir euch unbedingt zeigen wollten.“


Der Schmied und seine Frau konnten ihre Überraschung nicht länger verbergen, als sie sahen, was dort vor ihnen lag. Es waren der Siegelring des Hauses Tüschenfels und der Dolch mit den Initialen J M v T, die Siegfried von seinem leiblichen Vater hinterlassen worden waren und die seine Eltern natürlich sofort wiedererkannten. Wie gelähmt starrten beide auf den Tisch, ehe der Schmied schließlich Ellie ansah und mit stockender Stimme fragte: „Wo habt ihr diese Gegenstände her?“


„Von mir, Vater“, antwortete Siegfried leise und zog die Kapuze zurück, so dass man sein Gesicht deutlich sehen konnte. Ungläubiges Staunen breitete sich auf dem Gesicht des Schmieds aus, während seiner Frau ein kurzer, spitzer Aufschrei entfuhr: „Jan Magnus, bist Du das?“, flüsterte sie daraufhin. „Ja, Mutter, das bin ich“, erwiderte dieser leise und nur einen Moment später drückte sie ihn so fest an sich, dass er fast keine Luft mehr bekam, während er gleichzeitig ihre Freudentränen auf seiner Wange spürte. Er hatte seine Eltern gefunden.

***


Mehr als zwei Stunden waren bereits vergangen, seit sich das freudige Wiedersehen ereignet hatte und immer noch gab es genug zu erzählen. Prinzessin Clara ordnete einen Moment lang ihre Gedanken, während sie die neben ihr am Tisch in der Wohnstube Sitzenden beobachtete und musste schmunzeln. Nachdem Siegfried fast keine Luft mehr bekommen hatte, war ihm sein Vater zu Hilfe gekommen und hatte seine Mutter sanft von ihm weggezogen, um ihn dann selbst fest in die Arme zu schließen. Danach lagen sich alle drei in den Armen, während Ellie und sie daneben standen und auch ein paar Tränen der Rührung vergossen.


Schließlich hatte Siegfried seinen Eltern seine Begleiterinnen vorgestellt und alle hatten sich bei einem wohlschmeckenden Getränk, welches man hier Holunderlimonade nannte, an den großen Tisch gesetzt. Abwechselnd erzählten sie ausführlich davon, wie sie von Siegfrieds Herkunft erfahren hatten, Bekanntschaft mit dem magischen Spiegel gemacht hatten und schließlich den Entschluss fassten seine Eltern zu suchen.


Im Gegenzug erfuhren sie von diesen, wie knapp sie damals den Eroberern ganz allein auf ihrer abenteuerlichen Flucht entkommen waren, denn die verbliebenen Ritter kämpften bis zum letzten Mann, bis niemand mehr übrig war, um sie zu begleiten. Sie hatten die Burg durch einen unterirdischen See verlassen, in dem sie unter den Felsen hindurchgetaucht waren. Danach mussten sie sich tagelang abseits der großen Straßen zu Fuß fortbewegen und einige Wälder auf engen Pfaden durchqueren, immer mit der Angst im Nacken plötzlich doch noch entdeckt zu werden. Als sie schließlich das benachbarte Reich von König Karl erreicht hatten, mussten sie dennoch weiterhin auf der Hut sein, denn dieser versuchte sich aus dem krieg herauszuhalten und hätte das fliehende Königspaar womöglich an die Eroberer ausgeliefert.


Erst als sie das Land von König Philipp erreichten, fühlten sie sich sicher und als sie schließlich in ihrem Dorf ankamen, war der alte Schmied gerade gestorben. König Ralf, der sich schon von seiner Kindheit an für das Schmieden interessiert hatte, erinnerte sich an die vielen lehrreichen Stunden, die er in der königlichen Schmiede verbracht hatte und so kam es, dass das geflohene Königspaar sich hier niederließ, um fortan unter falschen Namen ihr Handwerk zu verrichten. So vergingen mehr als sechzehn Jahre und obwohl sie fest daran geglaubt hatten, dass es ihrem Sohn gut gehen würde, hatten sie kaum noch Hoffnung ihn jemals wiederzusehen.


„Ist alles in Ordnung?“, fragte Siegfried und berührte Clara sanft am Arm. „Du siehst so nachdenklich aus.“ Die anderen verstummten und auch sie sahen Clara fragend an. „Ja, ja, nur keine Sorge“, erwiderte diese schnell und lächelte. „Ich musste nur gerade daran denken, was wir in den letzten Tagen und Wochen alles erfahren und erlebt haben. Obwohl ich wirklich sehr froh bin, dass wir euch kennengelernt haben, frage ich mich, wie es nun weitergehen wird.“


Die Gesichter aller am Tisch wurden ernst, während die Prinzessin nachdenklich fortfuhr: „Wir müssen langsam heimkehren, sonst wird sich mein Vater große Sorgen um uns machen, doch was wird aus euch, wenn hier tatsächlich ein Krieg ausgebrochen ist? Wollt ihr uns begleiten?“ Erwartungsvoll sah Siegfried seine Eltern an und auch Clara und Ellie waren gespannt, wie deren Antwort ausfallen würde.


Es folgte ein Moment der Stille, ehe König Ralf bedächtig antwortete: „Liebe Clara, wir wissen Dein Angebot sehr zu schätzen und würden auch liebend gern mit euch mitkommen, doch ich glaube nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir uns lange genug versteckt haben.“ Er blickte zu seiner Frau Elana hinüber, die ihm entschlossen zunickte. „Das Reich von König Karl ist vor Kurzem gefallen und nun wird auch das von König Philipp angegriffen. Wir können nicht ewig weglaufen, denn Saltaro der Eroberer, der mit seiner Armee nicht nur unsere Heimat, sondern inzwischen auch viele weitere Königreiche in seine Gewalt gebracht hat, wird niemals aufhören. Selbst das Königreich Deines Vaters wird eines Tages von ihm erobert werden, auch wenn es sich in scheinbar noch sicherer Entfernung befindet und noch einige Jahre sicher sein sollte.“


An Siegfried gewandt sagte er: „Ich bin so froh, dass wir uns gefunden haben, doch das ist nicht Dein Krieg. Bitte geh mit Clara und Ellie zurück, warnt den König, aber lebt euer eigenes, friedliches Leben, solange es noch geht. Wir werden versuchen so viele treue Ritter und andere Kämpfer zu finden, die bereit sind sich uns anzuschließen und König Philipp in seinem Kampf beizustehen.“


„Er hat recht“, schaltete sich nun auch Königin Elana in das Gespräch ein. „So sehr es mich auch schmerzt Dich schon wieder zu verlieren, ist es mir dennoch viel lieber Dich und natürlich auch Deine Freundinnen in Sicherheit zu wissen.“


Erschrocken von der plötzlichen Wendung dieses eben noch so schönen Tages des Wiedersehens hin zu einem düsteren Ausblick in die Zukunft, musste sich Siegfried erst einmal sammeln. Weder wollte er seine geliebte Clara verlassen noch seine Eltern gleich wieder verlieren, noch dazu, wenn soeben ein Krieg begonnen hatte, vor dem sie nicht fliehen wollten.


„Ich werde euch nicht im Stich lassen“, sagte er entschlossen zu seinen Eltern. „Keinen von euch“, wobei er sich Clara und auch Ellie zuwandte. „Wir werden einen Weg finden, wie wir euch helfen können.“


„Dabei stimme ich Dir voll und ganz zu, Siegfried“, hörten sie nun Claras feste Stimme. „Obwohl wir nur ein kleines Königreich sind, verspreche ich euch, dass wir eine Möglichkeit finden werden, um euch zu unterstützen. Wir reden mit meinem Vater und tun alles, was in unserer Macht steht, und sei es auch nur ein kleiner Beitrag.“


„Dem schließe ich mich gerne an“, hörten sie plötzlich Ellie sagen. „Vom ersten Augenblick an habe ich gespürt, dass ihr Menschen mit guten Herzen seid und so werde auch ich euch beistehen, auch wenn meine magischen Kräfte begrenzt sind.“


„Das wollt ihr wirklich für uns tun“, fragte König Ralf ungläubig. „Das können wir unmöglich von euch verlangen.“ „Ihr verlangt es ja auch nicht, sondern wir machen das freiwillig. Je eher der Krieg beendet werden kann, desto weniger Opfer wird es geben“, erwiderte Clara entschlossen.


„So lasst uns keine Zeit verlieren und aufbrechen“, übernahm Siegfried nun wieder das Kommando, auch wenn es ihm unbeschreiblich schwer fiel, sich schon wieder von seinen Eltern zu trennen. Er umarmte zunächst seinen Vater und dann sein Mutter und drückte beide von Herzen. Danach verabschiedeten sich auch Clara und Ellie herzlich von ihren neuen Freunden und zu dritt verließen sie die Schmiede, um sich zurück in den Wald zu begeben, wo sie durch den Spiegel heimreisen wollten. Clara hätte den Spiegel zwar auch hier mit ihrem Ring rufen können, doch es wäre womöglich aufgefallen, dass sie zwar in die Schmiede hineingegangen, aber nicht wieder herausgekommen waren.


Auf dem Weg zurück hing jeder seinen eigenen Gedanken nach und auch die Dorfbewohner, an denen sie vorbeikamen, schenkten ihnen kaum Beachtung, so dass sie ohne Zwischenfälle zum Versteck des Spiegelbilds gelangten, welches sich erst zeigte, als sie sich nur noch wenige Schritte davor befanden. Alle drei drehten sich noch einmal zur Lichtung um, über die sie vor ein paar Stunden ins Dorf gegangen waren und die immer noch so friedlich da lag wie vorhin.


„Der Wald hat noch immer nichts von der drohenden Gefahr des Krieges mitbekommen die schon bald auch ihn betreffen wird“, stellte Ellie ruhig fest. „Hoffen wir, dass es hier und im Dorf noch möglichst lange so friedlich bleibt.“ Clara und Siegfried nickten zustimmend und nacheinander traten sie durch das Spiegelbild, um nach Hause zurückzukehren. Im letzten Augenblick drehte sich Siegfried noch einmal um und sagte: „Mutter, Vater, ich bin bald zurück.“ Dann verschwand auch er und mit ihm das Spiegelbild, so als wäre keiner von ihnen je dagewesen.


Ende (Fortsetzung folgt?)


© 2024 Guido Lehmann / Geschichten-fuer-Kinder.de


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Nachtrag: Als ich die Geschichte „Prinzessin Clara: Siegfrieds Geheimnis“ geschrieben habe, hatte ich niemals damit gerechnet, dass diese einzelne Geschichte so lang werden würde, geschweige denn, dass sich daraus ein ganzer Roman entwickeln könnte. Nachdem ich aber mitbekommen habe, dass es scheinbar einige Fans von Clara, Ellie und Siegfried gibt, z. B. in der OGS der St. Mauritius Schule in Meerbusch, überlege ich mir, ob dies wirklich das Ende der Geschichten von Prinzessin Clara sein soll oder ob es weitere Fortsetzungen geben wird. Wenn euch die Geschichten gefallen haben und ihr möchtet, dass es weitergeht, dann schreibt mir gerne eine E-Mail an lemon@lemonpage.de.


Euer Guido


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